Selten ist eigentlich nie

Ich beantworte sehr selten Anrufe.
Die, die mich irgendwann mal angerufen haben, wissen das, aber hoffen noch. Die ärgern sich manchmal darüber, nach ein paar Wochen der Funkstille meinerseits haben sie Gewissheit und schreiben mir dann Nachrichten.

Ich beantworte sehr selten Nachrichten und Mails.
Die meisten die mir seit Jahren schreiben, wissen das. Die ärgern sich trotzdem manchmal darüber, nach ein paar Wochen merken sie dann aber wieder, dass einfach nichts kommt, wundern sich kurz und warten dann darauf, dass ich vielleicht doch irgendwann in der Zukunft mal schreibe und sage, wie es mir denn geht und frage: „Wie geht’s dir denn eigentlich gerade?“ Aber das kommt nicht oft vor. Ich meine das nicht böse, im Gegenteil, aber ich rede nicht gerne über eine Tastatur und einen Bildschirm, in knappen Sätzen und Komplimenten, denn dazu ist dieses kurze schnelle schreiben echt gut. „Du siehst fantastisch auf deinem Profilbild aus“, schreiben sie. Etwas, das sie aber nie sagen, wenn sie mir gegenüberstehen.

Das mit dem Schreiben ist so eine Sache. Ich schreibe gerne und viel, ständig eigentlich. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mich zum letzten Mal gelangweilt habe, denn wenn diese Zeit wäre, sitze ich am Schreibtisch und schreibe. Was auch immer. Das meiste davon habe ich nie veröffentlicht. Ich schreibe echt gerne, ich liebe es sogar zu schreiben, aber ich hasse es, ein Gespräch über kleine Wortkaskaden herstellen zu müssen.
„Wie war dein Vorstellungsgespräch?“
Und darauf folgen dann drei knappe Sätze, nichts, was mir bildhaft beschreiben könnte, wie das verdammte Vorstellungsgespräch denn nun war. Irgendwas mit „Ohgott“ und „schlimm“ und „am Ende gings eigentlich, aber da wars dann halt auch schon vorbei.“ Oke.

Mir ist meine Zeit zu wertvoll, um von Erlebnissen zu erfahren, die ich aus einem kleinen Chatfenster herauskratzen und mir in der Betonung so zurecht legen muss, dass ich auch wirklich verstehe, dass das eine Ironie und das andere echt so gemeint war. Ich interessiere mich für die Geschichten anderer, wirklich, aber mir ist es zu mühselig, mir die wenige Lebenszeit, die ich habe, und die ich auch mit Menschen in einem Raum verbringen könnte, damit zu vergeuden, auf den nächsten Satz zu warten, der mir nicht viel sagt, der mir kein Gefühl vermittelt, der einfach in einem Chatfenster liegt und den ich da erst herausziehen und durchdenken und am Ende dann noch richtig verstehen muss. Und weil ich weiß, dass die meisten Nachrichten, die ich bekomme, viermal kopiert und genauso auch an andere gesendet werden, empfinde ich die meisten Erzählungen in Nachrichten gar nicht an mich, mich, mich adressiert. Mir fehlt das Individuelle, das Gefühl, dass jemand mich meint, dass er Sarah meint, der er etwas erzählen wollte und nicht bloß einer Tastatur. Das alles könnte er auch irgendwem in irgendeiner Bar, an irgendeiner Supermarktkasse, oder seiner Bankberaterin erzählen. Macht der eine oder andere ganz bestimmt sogar.

Ich rede gerne und ich höre noch viel lieber zu. Immer wieder erzählen mir Menschen ihre Geschichten, fragen um Rat und warten dann auf eine Reaktion. Ich mag das Beieinandersein. Das Gegenübersitzen, sich ansehen, das Stottern, wenn man gerade nicht weiter weiß, die Tränen in den Augen, die man dann wirklich sehen kann. Das Verzweifelte, das Komische und das Verstehen. Ich mag es beim Zuhören am gleichen Tisch zu sitzen oder nebeneinander denselben Weg zu gehen, im Gras liegend von meinen Sorgen zu erzählen und die Gewissheit zu haben, dass da wirklich jemand ist, dass da jemand ehrlich ist, dass mir einer zuhört, mir, Sarah, mir.
Das klingt total narzisstisch oder naiv, denn wer hat denn heute noch Zeit, wer hat denn heute noch Kapazitäten im Kopf und im Herzen, wer kann denn vier Stunden lang einen Weg gehen ohne dass die Knie weh tun oder drei Stunden auf einem Sofa liegen und pausenlos reden ohne müde zu werden, ohne zwischendurch die Augen zu schließen?
Vielleicht der, der im großen Meer aus Wörtern auch noch ein bisschen Verbundenheit sucht. Der, der das Gefühl von Hand auf Hand im Gewühl aus tausend Neuigkeiten noch will.

Sehr selten schreiben mir Menschen, ob ich in einer halben Stunde Zeit habe, ob wir uns treffen wollen und ein bisschen reden. Und aus selten ist in allen Fällen nie geworden.

Kaugummifresser

feller-sag-nichts
Ein schönes Lebensmotto.

Haben Sie schon mal ein Kind gesehen, dass vergnügt und zufrieden heranreift, in einem Elternhaus, in dem ausschließlich geschrien wird? Haben Sie schon mal einen Erwachsenen gesehen, der mit leuchtenden Augen ganz euphorisch davon erzählte, wie herrlich es immer war, wenn die Eltern stritten, wenn Harmonie und Ausgewogenheit im Treibsand versanken und anschließend eine bleierne Stille einzog, die nur durch erneutes Schreien gebrochen werden konnte? Oder kennen Sie ein Kind, dessen Vater von cholerischen Anfällen heimgesucht wurde, die angeblich angeboren waren, und von der Mutter nur mit den Worten: „Er ist halt so“, kommentiert wurden, das anschließend davon zerrt, wie viel ihm das gebracht hat? Wie viel er aus diesen plötzlichen, nicht nachvollziehbaren mündlichen Attacken gelernt hat? Dass er ohne das Beschimpfen und manchmal auch Demütigen heute ein Nichtsnutz wäre. Haben Sie so was schon mal gehört? Dass jemand aus einem aggressiven Verhalten lernt?

Vielleicht waren Sie ja sogar so ein Kind? Vielleicht sind Sie ja sogar so ein Elternteil, das sagt, mir haben die Schläge gut getan, ich schlage jetzt einfach auch hin und wieder mal, wenn mir die Hutschnur platzt. Vielleicht wissen Sie auch gar nichts mit diesen Beispielen anzufangen. Möglicherweise sind Sie jemand, der täglich im Internet die Missstände aufzeigt. Die Missstände der Regierung. Die Missstände der Nachbarn. Die Missstände der Asis, die Missstände in Afrika und auch die in Europa, die Missstände von Traurigkeit, von Feminismus, von der gesamten Bevölkerung, von Lethargie, von zu vielen Kindern oder zu wenigen, die Missstände der Willkommenskultur und die Missstände derer, die dagegen sind, die Missstände auf (und in) dem Kopf von Donald Trump, die Missstände in Liebesbeziehungen oder Schlafzimmern von Menschen, die Sie gar nicht kennen. Vielleicht schreiben Sie nicht einmal eine Kolumne oder einen Blogeintrag. Vielleicht verpesten Sie ja einfach so in Kommentarspalten oder mit Facebookeinträgen die Luft, mit einem launischen Anfall. Sind Sie Choleriker? Da sticht Ihnen jedenfalls oft etwas ins Auge, dass weder Ihrer Ethik entspricht noch Ihnen ästhetisch gefällt, und weil das ja inzwischen alles so einfach ist (wir sind zum Glück so gut entwickelt, dass wir das Internet haben und nutzen können, wann, wo und wie wir wollen) und wir auf die Meinungsfreiheit pochen, sagen Sie natürlich, dass genau das, was Sie da lesen, nicht richtig so ist. Ist ja klar. Sie sagen was ihnen nicht gefällt, schlicht und einfach, dafür leben Sie ja, deswegen sind genau Sie ja Teil dieser Gesellschaft. Nur aus diesem Grund, um zu sagen was Ihnen nicht gefällt, hat Ihre Mutter Sie geboren, hat der Vater Ihnen dieses und die Mutter Ihnen jenes beigebracht. Sie haben sprechen, schreiben und lesen gelernt, damit Sie später laut aussprechen können, was Ihnen nicht gefällt, und bei welchen Missständen Sie „so einen Hals“ bekommen.

Eventuell haben wir da sogar eine kleine Gemeinsamkeit. Denn ich leide unter etwas Ähnlichem wie Sie. Das nennt man Misophonie. Ich reagiere empfindlich auf Geräusche, vielmehr auf Essgeräusche. Vorrangig bekomme ich aber „so einen Hals“ wenn in meiner Nähe jemand ein Kaugummi kaut. Dann möchte ich diesem Menschen am liebsten das scheiß Kaugummi wegnehmen. Ich will ihm sagen, dass er nie wieder Kaugummi kauen darf, denn ICH finde das unerträglich, und auf mein Empfinden kann man ruhig mal Rücksicht nehmen, oder?

Ich finde Kaugummis scheiße, und den Erfinder von Kaugummis auch. Genauso wie die ganzen Hersteller, die so etwas wie ein Kaugummi produzieren, ein Kaugummi, das mich so wütend macht. Ich möchte jeden einzelnen Kommissionierer töten und am Ende sogar die Verkäufer, die diese Kaugummis erst in die Regale räumen und sie anschließend auch noch verkaufen. Ich möchte die Käufer erschießen lassen, weil es mich schon aufregt, wenn die Leute die Kaugummipackung schon an der Kasse öffnen, und während ich durch die automatische Schiebetür den Laden betrete, in ihren Mund stecken. Wenn dann ihre Zähne dieses kleine Stück Scheiße mit Zucker zerbeißen, zerdrücken und immer wieder, immer wieder, immer wieder darauf herumkauen, als wäre es etwas Selbstverständliches, dann kann ich einfach nicht mehr an mich halten. Ich öffne dann Facebook und schreibe auf die Seite von Wrigleys, dass ich sie hasse!

Sehen sie, wie wütend mich schon der Gedanke an Kaugummis macht, so wie an die Menschen, die Kaugummis kauen und die Hersteller und die Verkäufer und die Käufer und die Kinder der Käufer, die im Alter von drei Jahren schon Kaugummi kauen. Dieser Gedanke ist so unerträglich für mich. Und die erfinden die Dinger ja ständig neu. In allen Farben, Formen und Geschmacksrichtungen. Das Einfache reicht ja niemandem mehr. Und wenn immer mehr Kaugummis in die Geschäfte kommen, gibt es ja auch mehr Leute, die diese kaufen. Und überall sind Kaugummifresser. Es ist die Hölle für mich. Schwarze, gelbe, rote, blaue, grüne Kaugummis. Kaum einer isst ja noch die „Normalen“. Das weiße Kaugummi stirbt langsam aus. Und das macht mich sogar, als Kaugummihasser, richtig traurig. Dass wir schon soweit sind, dass das traditionelle Kaugummi nach und nach verschwindet.

Wrigleys schreibt sogar zurück, damit habe ich nicht gerechnet. Aber Wrigleys hat dafür einen Social Media Manager, wie ich erfahre, und auf einmal möchte ich, dass auch dieser Social Media Manager abgeschafft wird. Seit wann gibt es so was eigentlich? In was für einer Zeit leben wir denn bitte? Ich nenne ihn nur noch SMM, und der schreibt mir, dass es das Kaugummi schon seit 5000 Jahren gibt. Und er schreibt auch, dass sie nicht auf Einzelschicksale Rücksicht nehmen könnten, denn es gibt ja viele, die das Kaugummi kauen toll finden und willkommen heißen, ich solle mich also zusammenreißen. Das Kaugummi tut mir ja nichts. Kaugummis machen die Zähne kaputt, halte ich dagegen. Und der SMM schreibt: „Unsere Kaugummis nicht.“ Lügner!!!111!

Misophonie ist weit verbreitet, ich bin nicht die einzige, die diese Essgeräusche, insbesondere das Kauen von Kaugummis, zur Weißglut bringt. Deswegen habe ich vor einiger Zeit eine Gruppe gegründet. Und jenen Vorfall schildere ich dann auch in meiner Kaugummi-Gruppe bei Facebook. Die anderen können meine Wut nachvollziehen. Und wir hoffen, dass wir irgendwie diese Kaugummifresser ausrotten können. Das kann so nicht bleiben, dass die einfach ungeniert überall schmatzend auf diesen Dingern herumkauen. Das macht mich, nein, das macht uns alle so verdammt wütend. Das nimmt mir meine Lebensqualität und wofür haben unsere Vorfahren denn gekämpft, wenn jetzt alle machen was sie wollen? Die Kaugummifresser sind einfach überall. Sogar in dem Rewe, in dem ich schon immer einkaufen gehe. Letztens stand jemand, natürlich kauend (!) vor dem Wurstregal und nahm auch noch die Lyoner, die ich schon immer esse, schon immer!
Ich schrieb das dann auch direkt, während ich dem Kaugummi kauenden Pack hinterher guckte, in meine Kaugummi-Gruppe. Kann ja nicht angehen, dass uns die Kaugummifresser jetzt auch schon die Mortadella wegessen. Solche Vorfälle regen auch die anderen auf. Deswegen fangen wir an, die ersten Pläne zu schmieden, um die Kaugummifresser endlich los zu werden. Aber wir sind ja Leute, mit denen man reden kann, deswegen melden wir beim Marktleiter, was passiert ist. Wir schreiben, dass wir ein Kaugummikauverbot fordern, weil das ja nicht mehr zumutbar ist, dass die sich einfach ungeniert überall rumtreiben können. Der Marktleiter antwortet darauf nicht gleich, deswegen schreiben wir es dann auf seine Facebook-Seite. Der Marktleiter hat aber noch keinen SMM. Und da frage ich mich wieder, in welchem Jahrhundert wir eigentlich leben, wieso der als einziger noch nicht an einen Social Media Manager gedacht hat, wie reaktionär kann man denn sein? Man muss solche Sachen doch kommunizieren können!!11!

In der Gruppe werden mittlerweile alle unruhig, weil jeder jetzt ständig Kaugummifresser sieht. Wie die Asis stehen die da, keine Erziehung gehabt, denke ich mir, wenn ich die sehe. Und die rauchen sogar beim Kaugummi kauen. Und die trinken dabei auch Bier. In welcher Zeit leben wir denn? Dass ständig alle Kaugummi kauen, als wäre das schon immer so gewesen. Überall stehen sie und die reden beim Kaugummi kauen auch noch. Sogar die Frauen. Widerlich!

Der Marktleiter antwortet auch auf unsere Nachricht bei Facebook nicht, das finde ich wirklich respektlos. So viel Zeit muss ja sein, dass man sich mal mit den Problemen seiner Kunden auseinandersetzt. Deshalb gründen wir eine Facebook-Seite, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Die Missstände in Supermärkten, die Missstände im Kaugummibetrieb, ergo die Missstände auf der ganzen Welt. Denn das Kaugummi kauen nimmt langsam völlig neue Dimensionen an, wenn wir nicht aufpassen und schnell handeln, kommen wir da nicht mehr gegen an. Das hat es früher so nicht gegeben, aber das glauben mir viele einfach nicht. Manche sagen, Kaugummi wurde schon immer gekaut, wie der scheiß SMM von Wrigleys, dieser Blödmann. Ich antworte dann: „Ja, weiße Kaugummis. Aber nicht rote, blaue, grüne, gelbe und so.“ Mir wird daraufhin gesagt, dass man das Neue einfach mal hinnehmen muss. Die anderen Farben würden ja nichts negativ verändern, sondern nur denjenigen, die Kaugummis gerne mögen, eine Vielfalt geben. „Wie das Internet, an das hast du dich doch auch nach anfänglichen Schwierigkeiten gewöhnen können.“ Was ist denn das für ein Vergleich, denke ich, und werde wütend. Was will mir diese hässliche Kuh eigentlich sagen? Die hat doch nichts, aber auch wirklich gar nichts von den Problemen auf der Welt verstanden. Guck doch mal aus dem Fenster, brülle ich, wie die ganzen Kaugummis einfach auf den Gehwegen liegen. In allen Farben. Wenn die sich erst mal richtig festgetreten haben, bekommen wir die nicht mehr da weg. Aber hinterher soll sich bei mir niemand beschweren. Ich habe ja die ganze Zeit befürchtet, dass uns die Kaugummifresser noch mal Ärger machen.

Andere sind unsicher und gehen nicht auf ein Gespräch mit mir ein. Die haben Schiss vor meinen Argumenten, da bin ich mir sicher. Die gucken alle weg, haben Angst vor der Wahrheit. Die sehen schon noch was sie davon haben, spätestens, wenn sie sich irgendwann mal in ein Kaugummi setzen. Das wünsche ich denen die Kaugummifresser verteidigen, dass die sich mal schön selbst in ein Kaugummi setzen und am eigenen Leib spüren, dass Kaugummis in unserer Gesellschaft nichts verloren haben. „Kaugummifresser sind Menschen wie du und ich“, sagen die. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich kann mir schon kaum noch die Zähne putzen, weil mich der Geruch immer an die Kaugummifresser erinnert und dann habe ich morgens schon schlechte Laune. Da leidet auch schon mein Familienleben drunter, weil ich dauernd so unter Strom stehe, weil ich handeln muss und man sich ja, wenn man mal guckt, was auf den Straßen so los ist, nur noch aufregen kann. Klar, dass einem da vielleicht mal die Hand ausrutscht.

„Hier ist kein Platz für Kaugummifresser“, steht auf dem Titelbild unserer Facebook-Seite. Und weil der Marktleiter auch auf die Beiträge nicht reagiert, in denen wir ihn verlinken, kommentieren wir auf seiner Facebook-Seite einfach alle seine Einträge. Die ganze Zeit. Das macht irgendwann richtig Spaß. Ich musste meinen Job sogar aufgeben, weil ich sonst nicht hinterher käme mit kommentieren und posten. Und einer muss ja mal sagen, dass das so nicht mehr weiter geht, das macht mir auch nicht immer nur Spaß. Aber einer muss ja wirklich mal auf die richtigen Missstände in unserer Welt aufmerksam machen. Und ich sehe ja, wie viele Menschen ich damit erreiche. Und die haben nicht alle Misophonie, die finden Kaugummifresser nur genauso respektlos und scheiße wie wir.
Die affigen Kaugummikauer nehmen mir immer häufiger auch den Parkplatz weg, die fahren sogar bessere Autos als ich, diese Asis, die bei geöffnetem Fenster einfach auf ihrem Kaugummi rumschmatzen und keine Rücksicht auf mich nehmen. So respektlos. Und überall riecht es nach Pfefferminze oder Früchten und manchmal sogar nach Zimt. Das ist nicht mehr schön. Und die, die noch nie in ihrem Leben einen Kaugummi im Mund hatten, setzen sich plötzlich dafür ein, dass die Leute überall Kaugummi kauen dürfen. Manche von denen, die noch nie ein Kaugummi gekaut haben, kauen jetzt provokativ Kaugummi. Um mich zu ärgern! Und das macht mich echt so wütend. Ja, es macht mich so wütend, dass ich denen schreibe, wie eklig sie sind, wie hässlich, wie fett und dumm und dumm und dumm. Und wie geheuchelt ihre Solidarität mit den ganzen Kaugummifressern ist, die werden schon noch sehen, schreibe ich, was sie davon haben.

Ich sage auch meinen Kindern, dass sie darauf achten sollen, dass sie nicht mit Kaugummifressern reden. Und wenn ich sehe, dass die so jemanden zum Spielen da haben, oder wenn ich mitbekomme, dass deren Eltern, also ist ja klar, dann werde ich wütend und dann erkläre ich meinen Kindern auch gerne noch ein paar Mal, dass es gegen die Regeln in unserer Familie ist, mit Kaugummifressern rumzuhängen. Auch wenn nur die Eltern richtige Kaugimmifresser sind. Das färbt ja irgendwann auch ab, da haben die Kinder keine Chance. Die können ja auch nichts dafür, aber ich möchte nicht, dass meine Kinder mit denen verkehren, nicht dass die auch irgendwann Kaugummis kauen. Und das wäre ja furchtbar, dann müsste ich sie verstoßen. Deswegen ist es für alle besser, dass sie davon abgeschottet werden und dass ich ihnen täglich sage, wie gefährlich Kaugummifresser sind. Ich finde es verantwortungslos, wenn andere Eltern auf so was nicht achten.

Aber ich sehe, dass wir Gegner immer mehr werden, das bestärkt mich in meiner Arbeit. Ja, auch in Frankreich und in Italien und in Österreich und vielen anderen Ländern finden sich inzwischen große Gruppen, die gegen Kaugummifresser kämpfen, wenn nötig sogar mit Gewalt. Geht auch kaum noch anders. Man kann ja schon nicht mehr in ein Restaurant gehen, weil die nach dem Essen dann ein Kaugummi kauen, als wäre das Kauen von Nahrungsmitteln nicht schon schlimm genug und Menschen im allgemeinen nicht schon nervig genug, dann kauen die da auch noch Kaugummi. Wie können die sich das eigentlich leisten, diese Kaugummifresser, auch noch essen zu gehen? Woher haben die eigentlich das ganze Geld für Autos und Vergnügen und Kaugummi. Sicher vom Staat. Und unser einer guckt wieder in die Röhre.

Die rotzen auch überall ihre verseuchten Kaugummis hin und ich trete dann da rein. Was weiß ich denn, was die für Krankheiten haben. Vielleicht fällt mir ja aus Versehen mal mein Schuh auf das Gesicht meines Partners oder meiner Kinder und dann haben die das auch. Ist ja unzumutbar, dass die überall sind.
Wir von der Gruppe „Alternative für eine neue Kaugesellschaft“machen jetzt auch ständig Aktionstage, zu denen kommen richtig viele Leute, weil die das auch alle nicht mehr ertragen. Wir sehen, dass die Kaugummifresser immer mehr werden und die wollen, dass wir die einfach so akzeptieren. Die sagen dann so was wie: wir sind doch alle Menschen! Aber das ist doch nicht menschlich, was die machen. Das ist doch nicht normal, das hat es früher doch nicht gegeben. In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?

Sehen Sie, so rede ich mich in Rage. Eigentlich wollte ich ihnen etwas über das Aufwachsen von Kindern erzählen, die in Haushalten groß werden, in denen man sich schon an Kleinigkeiten hochzieht und aus allem einen Angriff gegen sich und sein Leben sieht. Kinder, die dadurch auf einmal als unzumutbar erscheinen, weil sie mal kleckern und mal stolpern und mal ein Wort falsch aussprechen oder nicht richtig zu hören. Und wie schwer die es später mal haben, eine Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen, weil die ja immer das Gefühl haben, kein guter Mensch zu sein. Wie würden Sie sich denn bitte fühlen, wenn ihnen einer ständig sagt, dass Sie scheiße sind, so scheiße wie zum Beispiel Kaugummifresser?

*Das Beitragsbild ist von Julia Feller

Du bist vorbei

Letzte Nacht hat der Blitz bei mir nicht eingeschlagen.
Was aber würdest du eigentlich sagen, wenn es passierte. Du hast es verdient, dann standest du wohl blöd, oder, das ist dein scheiß Problem? Was würdest du sagen? Gar nichts würdest du sagen, denn in einem bist du dir sicher: in deiner Gleichgültigkeit der Vergangenheit gegenüber.

Aber wenn wir die Tage zurückspulen. 322 Tage vor diesem Tag. Was würdest du sagen?
Es gibt immer zwei Versionen, einmal die ausgesprochene und einmal die, die man fühlt. Was fühlst du jetzt eigentlich noch? Du fühlst nichts und ich immer viel zu viel.

Liebe ist dein Vorwand. Das sieht nämlich nett aus, wenn man immer sagt, dass ist die große Liebe, versteht das doch, die eine große Liebe, auf die habe ich dreißig Jahre lang gewartet, diese eine Liebe, das ist der Mensch, das ist die Wahrheit und die Zuversicht, mein Spiegel, mein Halt. Aber was hält man aus für diese Liebe? Was wirft man weg, was kommt nie wieder zurück? 322 Tage.

Wenn die Liebe wirklich die Rettung jedweder Probleme ist, wie du und alle anderen sagen, dann müsste doch eigentlich schon die Hälfte der misslungenen Welt in Ordnung sein, oder? Nee, denkst du, ne, weil vieles ja gar nicht auf Glücklichsein abzielt, sondern darauf, so zu tun, als wäre es okay, denn nur im Kollektiv sind wir gut. Dabei verschlimmert die sogenannte Liebe manchmal alles, führt zu Kriegen zwischen mehreren Gemütern. Manche Bomben fliegen unter die eigenen Haut. Manche zwischen zwei Völkern, weil jeder Recht hat. Es zumindest meint und es so will, unbedingt, weil man selbst es glaubt und wenn der andere es nicht tut, dann fängt man eben an zu hassen oder geht weg.

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Ach, gut, egal.

„Alles wird gut“, sagen sie. Aber die Bedeutung von gut ist doch noch lange nicht geklärt. Frage ich jemanden, was mit gut gemeint ist, sagen sie „okay“, frage ich, was mit okay gemeint ist, sagen sie, „so, dass es halt eben geht. So einigermaßen, dass man zurecht kommt, gerade gehen kann, Nahrung hat, dass man sich Kleidung kaufen kann, dass man liebt und ausreichend Wasser hat, dass man hin und wieder noch mal über andere lacht.“
„Dass man lebt also?“
„Genau.“

Manchmal muss man einen Schritt zurück gehen, um bei sich selber wieder Anschluss zu finden. Einen kleinen oder zwei oder zweihundert große Schritte. Egal, wichtig ist nur, dass man die Richtung kennt. Ob es nun für andere so aussieht, als würde man weichen oder aufhören, das ist doch ganz egal, oder? Oder, frage ich mich. Und ich lache nur müde, ich lache immer müde, über all die Fragen. Denn alle fragen ständig irgendwas. „Kann ich so gehen?“ „Sehe ich nicht zu dick aus?“ „Steht mit der Lippenstift?“ „Wie kommst du eigentlich mit der Einsamkeit zurecht?“ „Tut sterben weh?“ Ständig beantworte ich Fragen, bin der Regulator fremder Leben, halte Liebeskummer aus und stemme mich dagegen, wenn etwas ins Nichts läuft, halte fest, was mir nicht gehört und drücke ein Auge zu, wenn wieder mal keiner an mich denkt. Ich presse beide Augen zu, wenn ich mal wieder unter all den Phrasen mich selbst vergesse. Das Pressen und Vergessen, das Mundhalten und trotzdem sprechen macht so müde. Es macht so unglaublich müde. Und wer müde ist, trifft keine guten Entscheidungen, trifft keine.

„Wohin soll ich gehen?“, frage ich.
„Wohin du willst“, sagen sie. „Die Welt steht dir offen. Tu das, was du für richtig hältst.“ „Ach, gut, egal.“ weiterlesen

#Muttertagswunsch

Aus irgendwelchen Gründen hatte ich das Bedürfnis, etwas zum „Muttertagswunsch“ zu schreiben. Das hat nichts mit Listen zu tun oder mit wichtigen Forderungen, sondern es ist eher vergleichbar mit einem Appell. Die ganze Aktion wurde, soweit ich weiß, von Mama arbeitet und Mutterseelesonnig ins Leben gerufen. Ich will gar nicht aufspringen, denn bisher bin ich noch kinderlos, ich möchte bloß ein paar Dinge loswerden, weil mir das schon lange auf der Seele brennt, wie die Mittagssonne.

„Du hast nicht die richtige Klamotte an“

Ich habe (noch) keine Kinder, aber ich habe eine Mutter. Und alleine aus diesem Grund finde ich die Idee zum Muttertag großartig und wichtig. Denn ich bin die Tochter einer starken Frau, die sich in ihrem ganzen Leben liebevoll für das Leben ihrer Kinder krumm gemacht hat, und der man das nie danken wird, weil man das gar nicht kann mit ein bisschen Pappmaché und Weihnachtsengeln, mit Tulpen und Lieblingskuchen. Aber nicht zuletzt habe ich in meiner Kindheit den Eindruck gehabt, dass das Abkämpfen von Müttern/Vätern, neben dem politischen auch ein bisschen der Gesellschaft geschuldet ist. Vielleicht ist das aber auch nur ein schlechter Nebeneffekt von Großfamilien. Denn das Pochen auf gute Kleidung, sprich teure Markensachen halte ich für falsch und es ist mühselig seinen eigenen Kindern zu erklären, dass Marken nicht wichtig sind, wenn die anderen Kinder einem den Spiegel vorhalten und sagen: „Du hast nicht die richtige Klamotte an.“ Welche Eltern können denn dagegen ankämpfen und kaufen, wofür kein Geld da ist? Welche Eltern wälzen sich nicht tausend Mal in tausend Nächten im Bett herum, und überlegen, wie sie es schaffen, ihren Kindern alles zu ermöglichen, obwohl sie machtlos sind, weil sie sich keine Adidasstreifen aus den Rippen leiern können. Tausend schlaflose Nächte, weil manches eben nicht geht, aber dennoch verlangt wird – zu erst von den anderen Eltern und dann von den anderen Kindern.
Aber die Markenbekleidung ist ja nur ein kleiner Teil der Belastung von Eltern, die zwanzig Jahre dafür kämpfen, überhaupt mal, in dem was sie tun, gesehen zu werden: Die Vereinbarkeit. Ich weiß, meine Mutter hat sich nie beklagt, sie hat nie gemeckert, sie hat nie gesagt: Ich schaffe das nicht. Aber ich weiß auch, dass es oft anders war. Dass sie uns nicht an ihren Kämpfen hat teilhaben lassen, war selbstverständlich für sie, dennoch wird man als Kind Augenzeuge davon, wie die Mutter rotiert, funktioniert, sich Dinge wünscht, aber den Kindern nichts verspricht, weil sie nie weiß, dass es klappt, weil sie keine hundertprozentige Gewissheit hat, dass das Leben läuft, wenn es an allen Ecken klappert und in der Geldbörse manchmal nur ein kleiner Rest von einem kleinen Einkommen bleibt.

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